Meine legendären 9 Highlights auf dem Weg von München nach Venedig

Als ich im Sommer loszog, die 550‑Kilometer von München bis nach Venedig zu wandern, träumte ich von Bilderbuchpanoramen, sonnengeküssten Gipfel‑Selfies und „Dolce‑Vita‑Gefühlen nonstop“. Bekommen habe ich all das – und zusätzlich eine Sammlung an Momenten, die mich staunen, lachen und still werden ließen. Vier Wochen später bin ich stolz, heil und mit einem Kopf voller legendärer Erinnerungen in Venedig eingelaufen. Heute serviere ich dir meine persönlich geprüften Highlights der Alpenüberquerung – konkret, ehrlich, und vielleicht ein bisschen verkitscht.

1. Level‑2‑Spaß am Stempeljoch des Grauens

Als ich vom Lafatscher Joch ins Karwendelinnere abbiege, zieht der Hang an – eine endlose Rampe aus brüchigem Schutt. Die Drahtseile liegen da wie halb verlegte Geländer, die Tritte rollen weg wie Murmeln. Ich spüre mein Herz in den Ohren pochen, die Beine zittern, der Blick verengt sich. Also nehme ich das Gelände Zentimeter für Zentimeter: Augen auf den nächsten Tritt, Gewicht ruhig verlagern, mit mir selbst reden. Die Stöcke – meine leichten Fizan Compact*– sind plötzlich mehr als Ausrüstung; sie werden zum Geländer, an dem ich mich auch innerlich festklammere. Zwei Schritte vor, einer zurück. Stein für Stein. Stunde für Stunde. Bis nach einer Ewigkeit der Sattel endlich näher rückt. Oben streicht Wind über den Grat. Ich setze mich in den Staub, lasse alles raus: Lachen, Tränen, Erleichterung. Dieser Tag wird als Stempeljoch des Grauens in meine Memoiren eingehen – und ist sowohl eines meiner Highlights als auch eines meiner Lowlights der Alpenüberquerung. Das Stempeljoch war hart, beängstigend und genau deshalb irgendwie großartig. Ich nenne das Level‑2‑Spaß: Währenddessen schrecklich und man will, dass es endlich vorbei ist, später eine tolle Erfahrung und ein unglaubliches Abenteuer. Hier, am Rande des Karwendels, habe ich begriffen, dass ich viel mehr leisten kann, als ich dachte. Meine Grenze (körperlich und mental) liegen weit weit außerhalb von dem, was ich dachte. Von da an war nichts mehr wirklich furchteinflößend; nur noch anstrengend. Und machbar.

Fizan Compact Trekkingstöcke
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2. Karwendelhaus – Hütten‑Heimat mit Johannisbeer‑Schorle

Urig und sauber, Holz und Bergluft, wirkt das Karwendelhaus wie eine Mischung aus Museum und Wohnzimmer. Mein Zimmer: ein 6-Bett Mehrbettzimmer, definitiv kuschelig. Der Wirt serviert seinen legendären Wetterbericht (leider ist das Wetter für morgen gewitterich angesagt) und ich entdecke mein Liebingsgetränk für den Rest der Tour: Johannisbeer‑Schorle. Süß, herb und perfekt erfrischend. Der Abend gehört den Begegnungen: erst eine deutsche Wandergruppe, dann ein Vater mit zwei Söhnen – die Jungs latent genervt: „Hier gibt’s echt kein Internet?“ – der Vater will nur eines: gute Familien-Momente konservieren. Wir spielen Mensch ärgere dich nicht, und ich gewinne gnadenlos (sorry!). Später hocke ich mit Bergweg‑Arbeitern zusammen; sie zeigen Handyvideos, wie sie mit Gurt am Fels hängen und Seilversicherungen setzen. Das ist Hütte: Duft von Bolognese in der Stube, klappernde Teller, Lachen, das Gefühl vom weichen Holz unter den Händen – und wildfremde Menschen, die sich für einen Abend wie Verbündete anfühlen.

3. Die 7 Tuxer Summits – Nebel, Blockgelände & das Motto der Alpenüberquerung

Der Tag ist ein Parcours aus sieben Gipfeln und fast durchgehendem Blockgelände. Große Felsblöcke, auf denen die Hände mitarbeiten müssen, Tritte, die man sich verdient. Anspruchsvoll, anders, genau mein Ding. Morgens liegt der Nebel wie Beton in den Mulden, Markierungen tauchen kurz auf und verschwinden wieder. Den ersten Gipfel erreiche ich nach fünf Minuten, am zweiten kraxle ich wohl vorbei, ohne ihn wirklich zu sehen – der Nebel ist zu dicht. Wir sind zu dritt unterwegs: zwei Outdoor‑Enthusiasten aus Heidelberg und ich. Mal gehe ich vor, mal sie. An einer steileren Passage zwingt uns der Nebel zur Entscheidung. Der Weg ist nur zu ahnen, also teilen wir die Optionen auf: ich rechts, einer links, der dritte durch die Mitte. „Ich glaube, hier geht’s ganz gut!“, rufe ich. „Ich nehme die andere Rinne – da muss jeder seinen eigenen Weg finden“, kommt es zurück. Wie im echten Leben, denke ich – und genau dieser Satz wird zum Motto meines MucVen. “Da muss jeder seinen eigenen Weg finden”. Ich werde noch oft daran denken. Später reißt der Vorhang auf. Wolken schneiden die Gebirgszüge horizontal, als lägen zwei Welten übereinander. Danach führt die Spur durch das militärische Sperrgebiet und alles wirkt wie aus dem Bilderbuch: Murmeltiere pfeifen, idyllische Bergwiesen leuchten in sattem Grün, die Stille hat Gewicht. Der Tuxer‑Tag bleibt fordernd bis zum letzten Block und genau deshalb wunderschön.

Und ja: profilstarke Schuhe*, zuverlässige Stöcke* und eine Offline‑Karte mit Zusatzakku sind hier keine Deko, sondern überlebensnotwendig – besonders, wenn die roten Wegmarkierungen kurzzeitig Urlaub machen.

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INIU Power Bank, 20000mAh
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4. Die kurzen Bekanntschaften am Abend

Ich habe sie geliebt: diese Mikro‑Gemeinschaften auf Zeit. Man isst, lacht, spielt Karten, tauscht Lebensgeschichten – und am Morgen ziehen alle weiter. Auf den Hütten lernt man Menschen aller Fassons kennen. Menschen aus der Demenzpflege, Studierende, tief Gläubige, frisch Verrentete auf der zweiten Alpenüberquerung. Ein Mann aus Australien erzählt schwärmend von den unendlichen Orangetönne der australischen Sonnenuntergänge. Ein Hobby-Imker erzählt wie einmal ein Scheich bei ihm in Brandenburg war, um seinen Honig ganz groß in die arabische Welt zu exportieren. Der Gemeinsame Nenner all dieser Menschen: Wandern, Natur, Langsamkeit, und das stille Einverständnis, dass genau dieser Abend nicht wiederkommt. Diese Kurzbekanntschaften sind für mich die wahrscheinlich schönste Erinnerung an die Alpenüberquerung. Wie viele kurze Blitzlichter in die Leben dieser Fremden habe ich ziwschen München und Venedig erleben dürfen? Jede einzelne war ein Highlight.

Good‑to‑have: • Mini‑Notizbuch für Namen & Sätze • Ein kleines Kartenspiel • Ein Schokoriegel für „Freundschaft auf den ersten Abend“

5. Durch den Märchenwald zur Schlüterhütte

Ich starte um 05:30 Uhr, die Erkältung der letzten Tage noch als leises Kratzen im Gepäck. Der Wald ist weich und still, Nebel hängt in Spinnweben wie Tautropfen‑Diamanten, es riecht nach nasser Erde und Harz. Mein Atem dampft, die Schritte sind vorsichtig, und mit jedem Meter öffnet sich dieser Tag ein Stück mehr, als würde jemand den Vorhang sanft zurückziehen. Das Licht frisst sich durch die grauen Wolken und legt Gold auf die Wege vor mir. Der Peitlerkofel taucht erst schemenhaft, dann klarer auf. Später schenkt mir eine lange Forststraße den steten Blick auf den Peitlerkofel. Ich kann entspannt bergab schlendern und doch den Ausblick mit jedem Schritt genießen. Irgendwann wechselt die Welt die Sprache. Aus „Hallo“ wird „Buongiorno!“ und plötzlich fühlt es sich an, als hätte jemand die Kulisse gedreht: gleicher Weg, anderes Leben. Nach den erkältungsgeplagten Tagen davor ist diese Etappe leicht und leise; sie hat etwas Magisches, eine Atempause, die nicht nur erholt, sondern zuversichtlich macht. Eine wunderschöne Tour, die sich vom mystischen Start bis zur sanften Forststraße vor mir entfaltet.

6. Dieses Café nach dem Piz Boè – Lounge, Glas & Marmolata‑Kino

Der Morgen ist frostig und ich schaue eine Stunde lang dem Sonnenaufgang auf Piz Boè zu, bevor ich mich an den Abstieg über die nicht enden wollende Scharte mache. Unten angekommen erwartet mich am Pordoijoch ein kleines Dorf im 80er‑Look. Hier bekommt man überteuerten wässrigen Kaffee in dickwandigen weißen Prozellan-Tässchen. Ich hätte zwar Lust auf eine Pause, aber hieran reizt mich überhaupt nichts. Also laufe ich weiter und steige schnell wieder in den hinaufsteigenden Weg ein. Fünfzehn Minuten später taucht dieses Café auf: modern, urban – die Fassade ziert ein gewaltiges Streetart-Gemälde eines Totenkopfs und von innen dröhnt laute Lounge-Musik hervor. Dieser Ort sieht nicht aus wie die Berghütten und alteingesässenen Lokale, die mir in den letzten drei Wochen begegnet sind. Dieser Ort siehr eher aus, als ob einem hier gleich die Gin-Karte gereicht wird. Was für ein Kontrast! Ich gehe rein und die Sonnenterrasse ist panoramaverglast, die Loungemusik legt Watte in den Kopf, Sonnenliegen laden zum Versacken ein. Vor mir die Marmolata, darüber schwebt ein Paraglider mit orangefarbenem Schirm. Die Rifugio Fredarola ist wohl erst kürzlich von der altbackenen 0815-Hütte zu einem moderenen Luxus-Tempel renoviert worden. Mein Stadt-Herz schlägt höher und ich verbringe mindestens 1,5 Stunden in diesem stilvollen Paradies (in dem es übrigens tatsächlich eine beeindruckende Auswahl an Gin gibt).

7. Auf Sneakern nach Alleghe

Vom Fedaia‑See nach Alleghe ist der Tag, an dem die Bergschuhe Pause haben und die Sneaker endlich wieder ans Licht dürfen – schon das fühlt sich wie Ferien an. Die Strecke heute führt fast ausschließlich an Strassen entlang. Nach nur wenigen Kilometern mache ich dann noch einen Touristen-Stop und nehme ich die Gondel hinauf auf die Marmolata. Oben pfeift kalter Wind über die Plattform, zwei Ebenen Aussicht öffnen den Blick, unter mir blitzt das Blau des Gletschers. Die Aussicht ist beeindruckend. Im dazugehörigen Museum stehe ich lange vor Vitrinen: rostige Steigeisen, Holzski, Feldpost, Filmmaterial vom Krieg im Hochgebirge. Plötzlich hat diese Landschaft eine zweite, schwere Geschichte. Ich habe noch nie vorher darüber nachgedacht, dass die Weltkriege sich natürlich auch in den Alpen abgespielt haben. In diesem Museum des Ersten Weltkriegs werden die Begebenheiten und Anstrengungen der Soldaten sehr deutlich. Was heute ein Skigebiet ist, war vor 100 Jahren rau und grausam. Weil die Sottugunda-Schlucht weiterhin gesperrt ist, führt mein Weg nach Alleghe durch einen Autotunnel. Viele mucven-Wanderer beschweren sich gern über diese Teilstrecke. Das sei schrecklich und dreckig und wer will schon durch einen Autotunnel marschieren? Ich bin da anderer Meinung: Durch eine Schlucht bin ich schon oft gewandert. Und werde das auch in Zukunft häufiger tun. Aber ich bin noch nie zuvor und vermutlich nie wieder, durch einen Autotunnel spaziert. Es hat seinen ganz eigenen Charme. Einmalig und seltsam schön: die Wände atmen kalt, jeder Motor wird zur ohrenbetäubenden Orgel, mein Schritt hallt wie ein Metronom. In Alleghe komme ich schon am frühen Nachmittag an. Ich setze mich an den See, esse Pizza, dann Eis. Später Focaccia. Dann – natürlich – noch ein Eis. Der Nachmittag riecht Dolce Vita und der See spiegelt die Häuser wie auf einer Postkarte. Da heute der 16.08. ist – also ein Tag nach Ferragosto versammelt sich das Dorf am Abend am Ufer und zum krönenden Abschluss des Tages fächert ein Feuerwerk bunte Farben über das Wasser. Ich lehne mich zurück und denke: Heute war kein Etappen‑Tag, heute war ein Italien‑Urlaubs-Tag – traumhaft!

8. Jesolo – Salzhaut & Alleinbaden im Abendrosa

Ich empfehle allen, die Kraft haben: Geht am vorletzten Tag bis ans Meer. Die Route sagt „Jesolo City“, aber der Körper sehnt sich nach Sand & Horizont. Erst kommen mir Menschen in Badekleidung entgegen, dann sehe ich den Strand, dann das Meer – und plötzlich ist da dieses Gefühl: Ich habe es geschafft. Mittags ist der Strand voll aber abends gegen sieben bin ich fast allein dort. Das Wasser ist warm, die Oberfläche glitzert rosa in der untergehenden Sonne. Ich schwimme und spüre Abschied, Stolz, Freude zugleich. Morgen ist das eigentliche Ende meiner Reise erreicht. Aber irgendwie ist heute das Finale schon erreicht. Hier im rosa-glitzenden Mittelmeer.

9. Venedig – Surreales Finale & sanfte Landung ins Leben

Die Ankunft am Markusplatz ist: surreal. Um mich herum herrscht reger Touristen-Trubel. Und ich? Ich bin gerade einfach 4 Wochen und 550 Kilometer weit hierher gelaufen. Es ist unwirklich – das es das jetzt gewesen ist und ich hier am Ende meiner Reise angekommen bin. Nachdem ich mich eine kurze Weile am Markusplatz aufgehalten habe, mache ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Mein Freund wird nach Venedig kommen und wir verbringen hier noch 5 Tage gemeinsam, bevor es dann wieder in den Alltag zurück geht. Und ganz ehrlich? Ich kann jedem nur wärmsten empfehlen ein paar Tage in Venedig einzuplanen. Jenseits von San Marco und Rialto wird es in dieser Stadt herrlich still und entspannt. In Venedig gibt es keine Autos und keine Fahrräder. Nur kleine verwinkelte Gassen, Wasserstraßen und Zeit zum Schlendern. Wir setzen uns aufs Vaporetto und fahren eine Linie einfach komplett ab, nur um dem Sonnenuntergang beim Farbwechsel zuzusehen. Einen anderen Tag verbringen wir in Lido in einer hübschen Beachbar, die fast menschenleer ist und hervorragende Mojitos serviert. Abends Aperol und Pizza auf einem der vielen kleinen Plätze in Venedig – keine To‑dos, nur die Atmosphäre dieser Stadt einatmen. Venedig ist mit seiner entspannten Atmosphäre abseits der Touristen-Massen der perfekte Übergang zwischen Bergkapitel und Alltag.

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